Wen belagert diese Welle? - Kampf um Klicks /Dog-Whistle-Rhetorik: diese Sprache vergiftet unser Denken...

30.04.2018 09:45

Dieser Artikel handelt von der Macht der Sprache über unser kollektives Denken. Wir sollten sie uns jeden Tag aufs neue bewusst machen, sonst sind wir ihr ausgeliefert - insbesondere wenn ihre Angriffe auf unser Unterbewusstsein und unsere Emotionen immer aus derselben Richtung kommen!

Es folgen aktuelle Beispiele aus Medien, die sich als "unabhängig und überparteilich" verstehen:

"Flüchtlingswelle belagert..."

Das ZDF benutzt in diesem Tweet ein Gemisch aus Physik ("Welle") und Kriegsrhetorik ("belagert"), um eine Dokumentation zu Asylverfahren anzupreisen. Das ist nicht nur journalistisch unseriös, sondern gezielt emotionalisierend...

"Junger Flüchtling erzwingt vor Gericht..." - die Zeilen, mit denen uns die ZEIT auf ihren Artikel locken will, lösen unangenehme Gefühle aus: Flüchtling und Zwingen - ein Gegensatzpaar. Ein Flüchtling zwingt nicht, er flieht ja vielmehr vor Zwang, den Krieg oder unmenschliche Regimes auf  Menschen ausüben. Doch warum benutzen Medien genau diese widersprüchliche Sprache?

"Dog-Whistle-Rhetorik" ist Sprache, die unser Denken unmerklich verändert. Ganz normale Nachrichtenkanäle wie heute, Tagesschau oder Ländernachrichten, "überparteiliche" Tageszeitungen / politische Magazine verwenden sie. Die gefährliche, Ressentiments schürende und letztlich Extremismus verharmlosende Sprache ist allgegenwärtig. Wir müssen wachsam sein und immer wieder reflektieren, was Sprache mit uns macht und wie wir selbst Sprache benutzen.

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"Neuer Flüchtlingsstrom alarmiert Europa"  - solche Meldungen geistern zuweilen durch Nachrichtenseiten, und niemand regt sich mehr über diese Formulierung auf. - "Strom" ist ein physikalischer oder geologischer Begriff, wenn man ihn zur Beschreibung von Menschen verwendet, macht man Menschen zu austauschbaren Objekten...

"Alarmstimmung" entsteht, wenn wir in Gefahr sind. Doch ist Europa durch Flüchtlinge in Gefahr? - Sind es nicht vielmehr die flüchtenden Menschen, die in allergrößter Gefahr sind: durch Krieg, Hunger und nicht zuletzt die lebensgefährliche Überfahrt mit Booten, bei der jedes Jahr tausende Menschen ertrinken!

"Flüchtlinge stürmen spanische Exklave Ceuta" twitterte der focus als Eilmeldung. Und diese Formulierung ("stürmen...") wurde den ganzen Tag auf allen Nachrichtenkanälen wiederholt.

Was denken Sie, wenn Sie das Wort "Stürmen" lesen? - Ein Sturm ist eigentlich ein Wetterphänomen, genauer ein starker Wind, also primär keine Bezeichnung für menschliches Verhalten.

Wenn jedoch Menschen "etwas stürmen", bezeichnet dies einen aggressiven, meist kriegerischen Akt. "Sturm auf die Bastille", der "Stürmer" als nationalsozialistische Wochenzeitung, die "Sturmabteilung" (SA) sind jedem ein Begriff. Aber Flüchtlinge sind doch keine Angreifer, sondern genau das Gegenteil? Warum fällt uns nicht auf, dass die Sprache dieser Nachrichtenmeldung "verrückt" ist?

Die Antwort ist erschreckend: wir sind habituiert - wir haben uns an eine unterschwellig rassistische, fremdenfeindliche Alltagssprache gewöhnt!

Dabei sind die Schlagzeilen dieser Tage oftmals so absurd, dass man sich zuweilen der Realität, wie man sie bisher kannte, entrückt wähnt. So titelte allen Ernstes die "Welt":

"Tatort Schwimmbad - Die Angst vor den Flüchtlingen im Freibad"

Flucht ist eine Folge von Angst, Flüchtlinge sind Menschen, die aus Angst aus ihrem Land geflohen sind.

Ein Tatort ist ein Ort des Verbrechens, ein Schwimmbad ein Ort der Freude und Ausgelassenheit. - Warum suggeriert uns die Zeitung, dass plötzlich alles anders ist, dass flüchtende Menschen und Freizeit-Einrichtungen gefährlich sind?

Wenn man sich die Mühe macht, den Artikel zu lesen, findet man dann dies:

"Das Knutschen am Rande der Liegewiese. Das viel zu viele Bier und die viel zu fetten Pommes an viel zu heißen Sommertagen – das alles ist spätestens seit den 70er-Jahren deutsche Freibad-Normalität."

Was hat das mit Flüchtlingen zu tun??

Weiter lesen wir dann über die ausländerfeindliche Facebook-Seite "YX-Einzelfall", die Angst vor Migranten schüren will:

"...finden sich dort unter der Rubrik "Schwimmbad Übergriffe" lediglich 85 Fälle seit dem vergangenen Herbst. Man kann dem keinerlei Polizeistatistik gegenüberstellen, weil die Polizei nicht unterscheidet, wo und von wem ein Delikt begangen wurde. Aber: 85 Fälle auf ein 82-Millionen-Volk, auf 300 bis 400 Millionen jährliche Schwimmbadbesuche in mehr als 7000 Schwimmbädern: Das ist in jedem einzelnen Fall schlimm. Statistisch ist es nichts (!)"

Und wir werden belehrt: "Vorfälle in Schwimmbädern hat es immer gegeben", sagt Stefanie Becker, eine Sprecherin der Kölner Polizei. "Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen"

Was ist noch übrig vom Titel (Tatort Schwimmbad... Angst vor Flüchtlingen...)? Und wer liest noch weiter?

Hat irgendjemand den Artikel bis zum Schluss gelesen? Bis zu der Stelle, an der journalistische Selbstkritik geübt wird - eine Kritik, die den eigenen Titel im Nachhinein als verantwortungslose Irreführung entlarvt ?

"...Auch Matthias Oloew, Sprecher der Berliner Bäder Betriebe, klagt weniger über Flüchtlinge als über Journalisten. "Im vergangenen Jahr hatten wir exakt eine Anzeige wegen sexueller Belästigung", sagt Oloew: "Bei sechs Millionen Gästen in unseren Schwimmbädern ist das natürlich trotzdem ein Fall zu viel. Aber statistisch kaum messbar."

Wie wäre es nun mit dem wahrheitsgetreuen Titel:

"Eine einzige Anzeige wegen sexueller Belästigung in Berliner Schwimmbädern 2015"?

Der Pressekodex des Deutschen Presserates führt in seiner Ziffer 1 an:

"Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse."

Doch im Kampf um Klicks ("Clickbaiting") zieht nichts so sehr wie eine reißerische, emotionale Überschrift, die Gefahren suggeriert, wo keine sind - und sei es um den Preis einer immer aggressiveren Fremdenfeindlichkeit.________________________________________________________________________________________

Weitere Beispiele aus den Medien. Diese Sprache vergiftet unser Denken:

1. Wenn immer wieder besonders erwähnt wird, dass es unter den Flüchtlingen Straftäter gibt - ohne klarzumachen, dass regelwidriges Verhalten ein ubiquitäres Phänomen ist, das nicht auf eine bestimmte Menschengruppe beschränkt ist - so wie in der Nachrichtenmeldung über nach Afghanistan abgeschobene Flüchtlinge...

Für diese kognitive Impfung bekommen die Nachrichtenredaktionen - heute stellvertretend der NDR) eine Hundepfeife...

  

2. heute (ZDF) : Dieser Artikel zitiert den Kriminalpsychologen Dietmar Heubrock, der getötete SA-Leute während der Nazizeit als "gefallen" bezeichnet. - Der Begriff "Fallen" als Umschreibung des Sterbens im militärischen Konflikt ist aber regulären Soldaten vorbehalten und ist gewolltermaßen eine ehrende Ausdrucksweise. Durch die Formulierung wird ein paramilitärischer Nazi-Kampftrupp (SA) sprachlich zu Soldaten erhoben. Weder die Redaktion, noch Heubrock setzen den Begriff in Anführungszeichen - somit fehlt die journalistische Distanzierung.

Eine Hundepfeife für den heute-Artikel...

3. Maischberger vom 1.6.2016 (ARD) titelt: "Ausländer  rein - retten Einwanderer unseren Arbeitsmarkt?" - Mit diesem Titel wird das übliche Gegensatzpaar "Wir" (=die Einheimischen) vs. "Die" (=die Fremden) beschworen. So werden natürlich Ressentiments und Fremdheitsgefühle gegenüber denen, die zu uns hereinkommen, nicht überwunden, sondern weiter geschürt. - Im Text zur Sendung heißt es dann: "Gelingt es Deutschland nicht, die vielen Ankömmlinge auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren...?" - Hier wird schon in die Frage eine pessimistische Verneinung ("nicht") eingebaut, wo man doch einfach fragen könnte: "Gelingt es...?" - Und warum spricht man landauf-, landab immer von "vielen Ankömmlingen" - wo doch die Zahl der Flüchtlinge und anderen Migranten pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland um ein Vielfaches geringer ist als in anderen Ländern?

Drei Hundepfeifen  für die Maischberger-Sendungsbeschreibung: 1. Für die "Wir-Die"-Dichotomie, 2. für suggestiv verneinende Fragestellung zur Integration, 3. für suggestiv wertende Beschreibung einer besonders großen Zahl von Ankömmlingen.

4. Die oben genannte ZEIT-Nachricht vom 23.12.2017 - einen Tag vor Heiligabend - die uns suggeriert, dass ein Flüchtling vor Gericht etwas "erzwingt" (im Artikel stellt sich heraus, dass der Vormund des 16Jährigen den entsprechenden Antrag gestellt, die Bundesregierung auf Berufung verzichtet hat).

Hierfür gibt es zwei Hundepfeifen: eine für die tendenziöse Überschrift, eine für Verbreitung von Ressentiments vor Weihnachten...

Und zwei Hundepfeifen gibt es auch für das ZDF und seine eingangs beschriebene Kriegsrhetorik ("Flüchtlingswelle belagert") zu Asylprozessen...

 

 

 

 

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